Wahrsagen am Telefon sei Ausnutzung von Hilflosen, schreibt eine Insiderin in ihrem Buch. Auch ein Experte warnt vor der gefährlichen Abhängigkeit der Hilfesuchenden.


Wer sich allein fühlt, verzweifelt ist oder keine Antworten auf seine Fragen hat, ruft sie gern mal an: Wahrsager, Hellseher, Orakel oder Kartenleger. Im Internet oder am Fernsehen werben sie mit Sätzen wie «Hast du Sorgen mit der Liebe? Die Engel zeigen deinen Weg», «Heute wissen, was morgen passiert!» oder «Liebevolle Hilfe und ehrliche Antworten!» Dass es bei dieser esoterischen Beratung am Telefon vor allem ums Geld geht, zeigt Monja Cavallieri in ihrem im Selbstverlag herausgebrachten Buch «Erinnerst du dich, wer du bist?» auf.

Die 52-Jährige war lange als Medium und Beraterin tätig und kennt das Business darum von innen. Sie bezeichnet es als «Milliarden-Geschäft auf Kosten Hilfesuchender». Mit Lügen, Betrug und Vorspiegelung falscher Tatsachen würde Geld erwirtschaftet. Die Hilfesuchenden seien meist süchtig nach der Beratung und nicht mehr im Stande, klarzusehen. «Das wird ausgenutzt.» Viele seien einsam und verzweifelt. «Die brauchen keinen esoterischen Berater, sondern einen Psychiater, eine Selbsthilfegruppe oder Freunde.» Nicht selten dauerten die Beratungen so lange, bis die Anrufer die hohen Gebühren nicht mehr zahlen könnten und ihr Telefon abgeschaltete werde.

Anrufer so lange wie möglich am Telefon halten

Wer sich als Berater bewerbe, werde in der Regel auch genommen. Darunter seien Personen, die arbeitslos oder in Geldnöten seien. Das Bewerbungsgespräch am Telefon dauere bei manchen nicht einmal 15 Minuten. Sei jemand angestellt, werde ein Profil für den Berater erstellt, das zum Teil nicht einmal mit dem richtigen Foto hinterlegt sei.

Danach werde sofort gestartet. Erklärtes Ziel des Mediums sei es, den Anrufenden so lange wie möglich am Draht zu halten. Meist versuchten die Berater die Anrufenden auch dazu zu verpflichten, wieder anzurufen. Damit die Angestellten besser wissen, wie das gehe, erhielten sie vom Anbieter eine Anleitung.

«Effektive Hilfe gibt es nicht»

Die Gespräche würden sich oft um die Zukunft drehen: «Ob ein Partner bleibt, kommt oder fremdgeht.» Es gebe aber auch Manager, die fragten, welche Entscheidung sie treffen sollten, oder Personalverantwortliche, die wissen wollten, wer der geeignete Kandidat sei. Wenn die Vorhersage nicht zutreffe, werde der Anrufende damit vertröstet, dass dies noch komme und Geduld gefragt sei. Das mache den Anrufenden abhängig. Er rufe immer wieder an, um zu hören, wann das Prophezeite eintreffe.

Dabei profitiere nur der Berater: «Effektive Hilfe gibt es nicht.» Vielmehr würden sich die Berater hinter dem Rücken der Anrufenden noch über sie lustig machen und deren Sorgen gar weiterverbreiten. Cavallieri fordert darum, dass Anbieter und Berater aufhören, dies Menschen anzutun. «Wenn man wirklich helfen will, gibt es andere Wege.»

Positives funktioniert besser als Negatives

Gemäss Georg O. Schmid von Relinfo.ch machen sich die Berater meist selbst etwas vor und glauben, über wahrsagerische Talente zu verfügen. Sie hätten auch Erfolge. «Aus kritischer Sicht handelt es sich aber um Zufallstreffer.»

Zudem seien viele Vorhersagen eher schwammig und es werde meist Positives gesagt. Wer Negatives vorhersage, mache sich bei seinen Kunden unbeliebt, weil sich diese danach grosse Sorgen machten und eher nicht mehr anriefen. «Schwarzseher werden darum von den Vermittlungsfirmen nicht gern gesehen.»

Wer von seiner Tätigkeit als Telefonwahrsager leben wolle, sei auf Stammkunden angewiesen. Telefonwahrsager seien versucht, Beratungen in die Länge zu ziehen und zu wiederholten Anrufen zu ermuntern. Meist seien es Menschen mit schwachem Selbstbewusstsein, die sich sagen liessen, dass alles gut komme. Schmid: «Die Abhängigkeit mancher Klienten von ihren Wahrsagern stellt eine der grossen Gefahren der Wahrsager-Branche dar.»

 

Quelle: http://www.20min.ch/schweiz/news/story/11664982